Lachs vom Walensee bis zum Kollaps

Wildlebender Atlantiklachs (Salmo salar)
(Foto: US Fish & Wildlife Service / Wikimedia Commons)

Wieder soll eine grosse Fischzuchtanlage in der Schweiz gebaut werden. Indoor-Kreislaufanlagen sind zwar ökologisch weniger schlimm als Netzkäfige im Meer, erfordern aber viel Kapital und sind daher riskant – besonders in der Schweiz wegen der hohen Lohn- und damit Betriebskosten. Verschiedene Anlagen sind daran gescheitert. Ob das im Kanton Glarus geplante Projekt gelingt, ist auch deshalb fraglich, weil der Verein fair-fish Einsprache gegen das Baugesuch einreichte.

Die Firma «Blue Salmon» will «die führende Firma im Bereich Meeresfrüchte werden, bekannt für ihr hohes Mass an Tierwohl bei minimalem ökologischem Fussabdruck». So verkündete sie im Jahr 2022 auf ihrer Website [1]. Skeptisch gegenüber solch vollmundigen Versprechen schrieb ich der Firma am 5. Juni jenes Jahres:

«Die “smarteste Farm der Welt” ist in der Schweiz schon einmal errichtet worden, “SwissLachs” [2] im bündnerischen Lostallo. Das Unternehmen gibt sich Mühe, auch das Wohl der Lachse zu garantieren. Es stösst dabei allerdings an die von der Biologie der Spezies gegebenen Grenzen: Atlantiklachse (und Salmoniden generell) eignen sich kaum für eine auf Fischwohl ausgerichtete Zucht [3]. Ich staune immer wieder, dass es unbedingt Lachs sein muss. More of the same, just slightly better? Warum, wenn das Fischwohl im Vordergrund steht, nicht eine Fischart wählen, deren Ethologie ein hohes Potential für Fischwohl in Gefangenschaft bietet?»

Petition: Lachsfarm am Walensee stoppen!


Lachs: massenhaft gequälter Edelfisch 

Zwei Tage später antwortete der CEO, der ein paar Jahre zuvor als Betriebsleiter bei «SwissLachs» gearbeitet hatte: «Heute werden immer noch 99% vom Lachskonsum in der Schweiz importiert, was unnötige Emissionen beim Transport verursacht. Die Zustände bei der traditionellen Lachszucht im Netzkäfig sind teils haarsträubend und belasten die Umwelt erheblich. Wir wollen das besser machen und haben daher die Swiss Blue Salmon AG gegründet. Wir verfolgen die beiden Forschungsprojekte zum Thema Fischwohl der ZHAW und vom HAFL (zwei Schweizer Fachhochschulen) aufmerksam und würden sehr gern auch eure Gedanken dazu hören.» 

Kurz: Lachs muss es ganz unbedingt sein; aber man will es «besser machen», auch wenn das für die Lachse noch immer nicht gut genug sein wird…

Lachszucht in Netzkäfigen (Foto: Peter Whyte / Wikimedia)


Gigantischer Bau für noch mehr Lachse

Mehr als drei Jahre später gab «Blue Salmon» im Januar 2026 bekannt, sie plane in Mollis, Gemeinde Glarus Nord, den Bau einer grossen Indoor-Anlage mit geschlossenem Wasserkreislauf (RAS, Recirculation Aquaculture System) auf einem 2,5 Hektar grossen Industriegelände, das ihr die Gemeinde im Baurecht abtritt. Hier soll «die grösste und nachhaltigste landbasierte Lachsfarm der Schweiz» entstehen, die pro Jahr 4’000 Tonnen Atlantiklachs [4] produzieren werde, was heisst: pro Jahr will man hier mehr als eine Million Tiere schlachten. Damit könnten 10 Prozent der heutigen Lachsimporte ersetzt werden, so die Vorstellung. Ob diese Rechnung ökonomisch aufgeht, ist fraglich. Schon heute wird Lachs in Schweizer Supermärkten oft zu tiefen Aktionspreisen angeboten [5]. Offensichtlich sind Lachskonsumenten nicht bereit, für ein Pseudoluxusprodukt [14] hohe Preise zu bezahlen. Wie sollen dann teurere Schweizer Lachsfilets billige Importware ersetzen?

Die geplante RAS-Anlage liegt zwar nahe des Walensees, aber die Lachse haben ausser dem Tiefenwasser aus dem See [6] nichts davon – sie schwimmen ihr kurzes Leben lang in monotonen Betonbecken gegen eine künstliche Strömung. Dass das sehr langweilig das sein muss, räumt sogar der SwissLachs-Direktor ein [7].

Blick in eine RAS-Anlage: «Swiss Lachs» (Foto: Billo)


Einsprache aus Gründen des Tierschutzes

In einer RAS-Anlage sind die Lachse zwar vor Räubern (grosse Fische und Vögel) und vor Krankheitskeimen und Verschmutzungen geschützt und haben es insofern besser als ihre Artgenossen, die in Netzkäfigen vor den Küsten gemästet werden. Das in einer RAS dank Biofiltern immer wieder aufbereitete Wasser ist sehr sauber, zudem verbietet sich der Einsatz von Medikamenten, weil dadurch die Filter beschädigt würden, was einen mehrmonatigen Betriebsunterbruch zur Folge hätte, bis die Filter wieder ihre volle Funktion erreichen.

Den Preis für den ökologischen Vorteil einer RAS dank Hightech bezahlen weniger die Investoren als vielmehr die Lachse: mit einem klinisch reinen Leben in reizloser Umgebung, dessen alleiniger Zweck darin besteht, täglich Gewicht zuzulegen und Fleisch zu liefern – maximal entfernt von ihrem natürlichen Lebensraum.

Um zu verhindern, das weitere Millionen von Lachsen in der Schweiz derart vegetieren müssen, hat der Verein fair-fish Einsprache gegen die Pläne von «Blue Salmon» eingereicht. Eine Petition unterstützt diesen Vorstoss; ich habe sie unterzeichnet und bitte um Nachahmung.


Gescheiterte RAS-Projekte

Der Standortnamen Mollis weckt Erinnerungen. Hier plante die Firma «Ocean Swiss» bereits 2009, auf einem Industrieareal, das der damals noch selbständigen Gemeinde gehörte, eine RAS-Fischzuchtanlage zu errichten. Täglich 5 Tonnen Fisch hätten aus dieser Anlage geliefert werden sollen, etwa ein Drittel der Menge der nun geplanten Lachszucht. Aber nicht Lachs war damals das Ziel, sondern Meerestiere in Salzwasserzucht, in Anlehnung an ein ähnliches Projekt, das 2007 im saarländischen Völklingen [15] gegründet worden war und das ich seit den Anfängen zu Fragen des Fischwohls beraten hatte. 

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Im Mai 2009 aber lehnte die Molliser Gemeindeversammlung den Verkauf des Geländes ab. Die Besitzer von «Ocean Swiss» fanden zwar einen neuen Standort im luzernischen Buttisholz, doch die Finanzierung war schwierig. Schliesslich stieg einer der beiden Gründer aus und übernahm die inzwischen praktisch konkursite Anlage in Völklingen. Damit war Ocean Swiss Geschichte.

Eine weitere RAS-Anlage für die Produktion von Weissfuss-Garnelen, «Swiss Shrimp» in Rheinfelden [8], musste ihren Betrieb 2025 wegen wirtschaftlicher Probleme schliessen. Stattdessen versucht nun «Lucky Shrimps» in Winterthur [10] ihr Glück mit Garnelen und mit dem Verkauf von RAS-Modulen zur lokalen Produktion «direkt am Verbrauchsort». Auf dass Millionen von Shrimps unlucky würden, sofern die Firma wirtschaftlich überlebt hätte, was sie aus finanziellen Gründen nicht geschafft hat , weshalb sie im Januar 2026 Konkurs anmelden musste[16]. Auch die Ostschweizer Firma Mayer Shrimps [11] will mit RAS-Modulen auf Bauernhöfen den lokalen Markt mit Garnelen beglücken. Als wären nicht schon andere Projekte [12] wenig erfolgreich darin, Fischzucht-Module als Alternative zu Milchproduktion und Schweinemast in die Landwirtschaft zu bringen; oft auf Kosten der paar beteiligten Bauern.


Quereinsteiger mit offenen Ohren

Die drei RAS-Projekte «Ocean Swiss», «Swiss Shrimp» und «Swiss Lachs» haben neben dem betonten Swiss-Branding noch eines gemeinsam: Sie wurden von absoluten Quereinsteigern gegründet. Das hatte den Vorteil, dass die Initianten wirklich alles wissen wollten, um Fehler zu vermeiden, und darum sehr direkt auch den Austausch mit Kritikern aus Umwelt- und Tierschutzkreisen suchten; auch ich war eingeladen, sie zu Fragen ums Fischwohl zu beraten. Dass zwei dieser Projekte schliesslich scheiterten, liegt nicht an mangelndem Wissen; «Swiss Lachs» besteht erfolgreich und hat 2024 sogar die von Fachleuten gegründete und finanziell gefährdete RAS-Anlage «Basis 57» im urnerischen Erstfeld übernommen [9].

Gar kein offenes Ohr hatte dagegen der Initiant eines anderen grossen RAS-Projekt, das an der Sturheit dieses Quereinsteigers scheiterte. 2011 wurde die Fischfabrik «Melander» [13] im St. Galler Rheintal vom Kantonstierarzt geschlossen, weil die vom saarländischen Fensterputz-Millionär «erfundene» Tötungsmethode der schweizerischen Tierschutzverordnung widersprach und auch andere Mängel im Tierschutz beobachtet wurden. Schon 2008, kurz nach Eröffnung der riesigen Anlage, die jährlich 1’800 Tonnen von Filets und Würsten aus Afrikanischen Welsen hätte produzieren sollen, hatte der Verein fair-fish Anzeige gegen das Verhalten bei «Melander» eingereicht und eine begleitende Medienkampagne entfacht. Daraufhin bedachte der Besitzer den Verein, mich als dessen damaligen Leiter, den Kantonstierarzt und den «Tages-Anzeiger» mit einer Schadenersatzklage über 105 Millionen Franken. Die von einem wenig gewitzten Anwalt vertretene Klage wurde wegen einer verpassten Frist gegenstandslos, unser Anwalt hielt sich für seine Kosten mit einer Schadensersatzklage beim Besitzer schadlos.


Quellen:

[1] https://bluesalmon.ch/

[2] https://swisslachs.ch/

[3] fair-fish database: Atlantiklachs

[4] Watson, 12.01.2026: «Riesige Lachsfarm am Walensee geplant»

[5] Watson, 18.12.2023: «Verschleudern Fisch zum Spottpreis»

[6] 20 Minuten, 12.01.2026: «Mega-Lachsfarm am Walensee geplant»

[7] SRF-Sendung Kassensturz, 17.12.2024: «Das Leiden der Lachse – Vom Edelprodukt zur Massenware» (ab Minute 15:00)

[8] Billo, 19.03.2025: «Aus für Swiss Shrimp»

[9] Medienmitteilung, 19.07.2024: «Swiss Lachs übernimmt den Betrieb der Basis 57»

[10] https://www.luckyshrimp.ch

[11] https://www.mayer-shrimps.ch/

[12] Tierwelt, 11.07.2024: «Fisch statt Vieh»

[13] Billo, 01.12.2011: «Aufstieg und Fall der Fischfabrik Melander»

[14] Billo: «Das Massenluxusproblem»

[15] Die den Stadtwerken gehörende «Meerefischzucht Völklingen» wurde 2015 von der Zuger Firma «Fresh» übernommen, die seit einem Strategiewechsel im Jahr 2022 als «InfiniteSea» firmiert.

[16] WNTI, 13.01.2026: «Die Shrimp-Produzenten aus Oberwinterthur sind konkurs»


Diskussion auf Facebook:

Oliver: Zitat: «Zwei Tage später antwortete der CEO, der ein paar Jahre zuvor als Betriebsleiter bei „SwissLachs“ gearbeitet hatte: Heute werden immer noch 99% vom Lachskonsum in der Schweiz importiert, was unnötige Emissionen beim Transport verursacht.»
Jedoch – für 4’000 Tonnen Lachs braucht man mindestens 6’000 Tonnen Fischfutter! Das sicher zu 100% importiert werden muss…  Hat das Futter weniger Transport- Emissionen zur Folge?

Billo: Richtig, Oliver. Allerdings setzt «Ocean Swiss» nur Fischfutter ein, das kein Fischmehl aus Wildfang enthält, es stammt aus der Verwertung der Abfälle aus der Schlachtung und Verarbeitung von Fischen. Dass auch dieses nachhaltigere Fischmehl zum grösseren Teil nicht lokal produziert wird, ist klar; aber dass es um die halbe Welt transportiert wird, ist eher unwahrscheinlich. Das Hauptproblem besteht wohl darin, dass es nicht genügend verwertbare Schlachtabfälle gibt, um alle Zuchtfische damit zu füttern. Auch darum wäre es klüger,. auf die Zucht von Fischarten zu verzichten, die auf Futter mit Fischanteil angewiesen sind.


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