
Es ist ein beliebtes Bild im Senegal und unter europäischen NGOs, dass europäische Fangschiffen die Schuld tragen an der Erschöpfung der senegalesischen Fischbestände. Die Realität ist wesentlich komplexer.
Eine Ergänzung zum Artikel «Das verdammte Meer ist leer» [1], der europäische Firmen für die Überfischung der Küsten Westafrikas und für die dadurch ausgelöste Migration nach Europa verantwortlich macht.
Plünderung des Landes schon vor der Fischerei
Wenn wir einmal die Effekte der arabisch-muslimischen Invasion Westfafrikas vernachlässigen, begann das Problem der Plünderung natürlicher Ressourcen mit der europäischen Kolonisation und dauert, nicht zuletzt dank der an die französische und schliesslich an den Euro gebundenen Währung der Region, bis heute fort. Senegal war reich an Phosphatvorkommen; sie wurden bis zur Neige geplündert. Ein zweiter Rohstoff war billiges Land, das weitflächig für Erdnussplantagen platt gemacht wurde. Erdnussöl ist nach dem fragwürdigen Siegeszug von Palmöl kein Exportschlager mehr, es fehlen also auch diese Deviseneinnahmen. Geblieben ist dem Land dafür die durch Plantagen mitverursachte Sahelisierung bis weit in den Süden, wo der Fluss Saloum zum Meeresarm verkommen ist, mit Regen, wenn er denn fällt, als einzigem Süsswassereintrag.
Europa trägt tatsächlich Mitschuld daran, dass die senegalesischen Fischbestände erschöpft sind. Die Sahelisierung und eine fatale Agrarpolitik der Republik hat Subsistenzbauern aus dem Landesinnern an die Küste getrieben, in der Hoffnung, am bis gegen Ende der 1990er Jahre noch ansehnlichen Fang teilhaben zu können. Innert zehn Jahren verdoppelte sich die Zahl der einheimischen Pirogen, nicht zuletzt wegen des freien Zugangs zu den Fischgründen und wegen des verbilligten Benzins für jedes registrierte Boot. Der verdoppelte Fischereidruck in Küstennähe, also in der Zone, in der sich viele Fischarten paaren und Jungfische leben, konnte nicht ohne Folgen bleiben – umso mehr, als die ehemaligen Bauern oft mit unsachgemässem Gerät auf Fang gingen, etwa mit viel zu engmaschigen Netzen, mit denen sie auch Jungfische anlandeten, die sich noch gar nicht hatten vermehren können.
Unfähigkeit von Regierung und Behörden
Anstatt Fischereikontrolle, Küstenwache und wissenschaftliche Überwachung auszubauen, um die Ressourcen zu schonen, setzte die von korrupten Politikern und Beamten durchsetzte Verwaltung den «courant normal» einfach fort, auch gegenüber den grossen Fangschiffen aus Europa und Asien: Ihr zahlt uns was und dürft fangen, was Ihr wollt. Während eines Projekts [2] im Senegal (2004-2010) habe ich die artisanalen Fischer oft gefragt, ob die denn von den Millionen, welche die ausländischen Staaten für Fischereirechte zahlen, je etwas gesehen hätten. Natürlich nicht; das Geld verschwand irgendwo. So standen vor etwa fünfzehn Jahren Dutzende Kühlcamions, deren Beschaffung die EU finanziert hatte, um den Marktzugang der artisanalen Fischer zu verbessern, im Hinterhof des Ministeriums und wurden von dort an «cousins» verschenkt. Zur gleichen Zeit erklärte uns die einst international renommierte nationale Agentur für die Überwachung der Fischbestände, sie sei ausserstande, neue Bestandeszahlen zu liefern, da die Regierung ihr keine Mittel mehr zur Verfügung stelle; die aktuellsten verfügbaren Bestandeszahlen waren fünfzehn Jahre alt.
Europa mitschuldig, versucht aber Besserung
Tatsächlich waren und sind europäische Trawler an der Überfischung der senegalesischen Gewässer beteiligt; aber – anders als in Mauretanien – wird der weit grössere Anteil von Flotten aus Korea und China weggefangen. Die EU kann für sich zudem in Anspruch nehmen, im Gegensatz zu asiatischen Sea Grabbers in den Fischereiverträgen mit Entwicklungsländern wenigstens ein Minimum an Fairness festzuschreiben. So sollen, zumindest auf dem Papier, nur «überzählige» Bestände genutzt werden, welche nach der Nutzung durch die einheimische Fischerei übrig bleiben; zudem verpflichtet sich die EU, die Entwicklung der einheimischen Fischereibranche zu unterstützen. Dass die Versprechungen erst teilweise erfüllt werden, liegt nicht an der EU und ihren gelegentlich strengen Kontrolleuren alleine, sondern auch an der (auch historisch bedingten) Unfähigkeit der nationalen Behörden.
Dass ein Zusammenhang zwischen der Überfischung in Westafrika und der Migration von dort nach Europa besteht, konnte ich bereits während unseres Projekts vor fünfzehn Jahren beobachten. Ich bin dem später nachgegangen [3];der Effekt hat sich seither noch verstärkt, auch wegen zahlreicher neuer Fabriken für die Fischmehlproduktion aus westafrikanischen Beständen für die Fütterung von Zuchtfischen in Asien und Europa.
Ursprünglich publiziert am 09.12.2019 im inzwischen eingestellten Blog von fair-fish
Quellen:
[1] «Das verdammte Meer ist leer», NZZ am Sonntag, 07.12.2019
[2] fair-fish-Projekt im Senegal
[3] Zeitschrift fish-facts, Ausgaben 26-29

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