
Es stimmt nachdenklich, wie Menschen eines ganzen Landes und weit darüber hinaus seit Tagen um 1 (in Worten: einen) Wal bangen. Wie sie sich dabei gegenseitig in Aufregung darüber versetzen: dass die einen angeblich wüssten, wie dem in die Ostsee verirrten «Willy» zu helfen wäre, und die anderen nichts unternähmen. Und nichts wird besser, während die Menschheit jeden Tag einen Schritt weiter Richtung Abgrund schlurft.
Die «Republik» hat es schon vor einer Woche einfühlsam auf den Punkt gebracht: «Wahnsinn, dieser Wal» [1]. Kurz in Worte gefasst hatte das Bert Brecht vor bald einem Jahrhundert:
«Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!»
Bert Brecht: «An die Nachgeborenen», 1934/1938
Es gab schon ähnliche Fälle unglaublicher Rettungsaktionen von grossen Meeressäugern. Besonders spektakulär vor dreissig Jahren der Versuch, den in seinen ersten Lebensjahren gefangen gehaltenen und dabei erkrankten Orca «Keiko» wieder auszuwildern. Obschon Sachkundige einen Erfolg bezweifelt hatten, entstand eine ganze Industrie um diesen Versuch herum, mit Spendenkampagnen, Film («Free Willy») und Rettungsaktionen in Serie. Der Versuch scheiterte schliesslich. Ich habe mich schon einmal in Rage geschrieben darüber [2].
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Rettung aus Eigennutz?
Warum bewegt ein Buckelwal in der Ostsee die Gemüter über alle Massen, während Dutzende von gestrandeten Walen bestenfalls als kleine Notiz zur Kenntnis genommen werden? Ganz zu schweigen vom anonymen Leiden der mehr als einer Billion Fische, die jedes Jahr qualvoll in Netzen oder auf dem Deck vom Fangschiffen verrecken.
Einmal abgesehen vom offenkundig grösseren ökologischen Wert eines Wals: ist dessen individuelles Leben mehr wert als das eines Herings? Ja, sagt eine verirrte westliche Moral; denn wär es nicht so, wie wär ich denn als Mensch mehr wert als eine Maus? Das Mitfiebern um die vielleicht ja doch noch mögliche Rettung von Timmy entspringt dem Selbsterhaltungstrieb einer Spezies, die den eigenen Untergang fürchtet, da sie immer weniger auf die Reihe kriegt. Der arme Wal kann also gar nicht anders, er muss ums Verrecken überleben.
Geht’s eigentlich um Timmy?
Der Fall Timmy ist ein Tummelfeld fürs Rechthaben, Besserwissen, Moralismus, Tierschutz, Politik, Verwaltung, Wohltätern, Journalismus und Fehlerdenunziation. Walexperten sind die Ausnahme auf dem Schlachtfeld in der Bucht vor Poel, und Experten für das Schleppen eines angeschlagenen Wals über 200 km bis in die Timmy artgerechte, weil salzhaltigere Nordsee gibt es gar keinen, denn das hat bisher noch niemand gemacht, geschweige denn mit Erfolg.
Fehlerlosigkeit zu verlangen ist geradezu ein Killer in einer derartigen Situation. Die Möglichkeit eines Fehlers muss zugestanden werden, andernfalls ist kein Versuch einer Lösung möglich. Fehler zuzulassen würde auch erlauben, sich der Frage zu stellen, mit der man sich in Deutschland derzeit in Gefahr begibt: ob Timmy nicht besser geholfen wäre, wenn man ihn ungestört sterben lässt.
Offenbar ist es leichter, Emotionen und Energien zu mobilisieren für einen leicht sichtbaren Notfall als für die grundlegende Veränderung, die viele grössere Notfälle verhindern würde.
PS: Apropos Ostsee
Es geht nicht nur dem verirrten Buckelkwal «Timmy» schlecht in der Ostsee, sondern dem Leben in diesem Binnenmeer allgemein, erklärt der Forschungstaucher Florian Huber [3].
Nachtrag 16.05.2026: Timmy tot – lernen draus!
Inzwischen ist geschehen, wovor Wal-Experten von Anfang an gewarnt hatten: Die vermeintliche Rettung des auf Grund aufgelaufen Wals konnte nicht zum Erfolg führen, weil die inneren Organe des Tiers nach wochenlangem Liegen in seichtem Wasser durch den Druck des Körpergewicht bereits zu stark beschädigt worden waren. Die anstehende gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Sponsoren und Aktivisten und dem Kapitän des Schleppers, der den Wal entgegen der Abmachungen frühzeitig in die Freiheit entlassen hatte, ändert nichts am zentralen Problem. Wie schon im Fall «Keiko» [2] sind auch hier wieder viel Geld, viel freiwilliges Engagement und eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit sinnlos verbraten worden, während Geld und Interesse von der zugrundeliegende Ursache abgelenkt wurden: das gestörte Verhältnis der Menschheit zu Tier und Natur.
Vom kampagnenmässig verlängerten Sterbeprozess Timmys gar nicht zu reden…
Die wichtigste Lehre aus diesem Fall muss sein, dass ein Team von Walexperten und Rettungsfachleuten bestimmt wird, dass auf Abruf sofort zum Einsatz kommt, ohne langes Hin und Her zwischen irgendwelchen Behörden, Pseudofachleuten und Medien. Ein gestrandeter Wal hat nur Überlebenschancen, wenn er sofort wieder ins freie Wasser kommt, im vorliegenden Fall zusätzlich erschwert dadurch, das Timmy so rasch als möglich in die salzhaltigere Nordsee zurückgebracht werden musste.
Diskussion auf Facebook, April 2026:
Irmy: Wenn man nicht weiss, ob der Wal Hilfe sucht – oder wirklich sterben will – find ich verschiedene Bemühungen gerechtfertigt. Völlig unnötig ist das mediale Spektakel, ja geradezu abstossend. Helft ihm leise und unspektakulär oder wenn nicht zu helfen ist, lasst ihn einfach.
Anita: Dieses Verhalten ist für mich leicht erklärbar. Der Wal wurde durch den Medienrummel zu etwas Greifbarem. Das Wissen um Existenz und Schicksal anderer Meereslebewesen bleibt hingegen abstrakt und kann deshalb problemlos verdrängt werden. Dasselbe gilt für unsere Wahrnehmungen in der Menschenwelt ( Armut, Krankheit, Tod, Krieg, Umwelt). Nur das, was uns in irgendeiner Form direkt tangiert, löst größere Reaktionen und Betroffenheit aus. Ertrinkt im Freibad ein Fremder und man liest darüber, denkt man sich „wie schlimm“ und vergisst die Sache wieder. War man selbst Zeuge des Unglücks, ist die Betroffenheit schon wesentlich größer, handelt es sich um ein bekanntes Gesicht, ist sie vielleicht sogar riesengroß. Vielleicht ist das Waldrama für viele (unbewußt) eine Ablenkung von allem Unguten, was gerade so vor sich geht auf dieser Welt.
Billo: Danke, Anita, gute Erklärung. Beim Wal kommt die schiere Grösse hinzu; würde einem Hering sowas passieren, käme es kaum zu einer grossen öffentlichen Aufmerksamkeit.
Quellen:
[1] https://www.republik.ch/2026/04/15/wahnsinn-dieser-wal
[2] https://billo.ch/wp-content/uploads/2026/04/Studer_201-229.pdf, Seite 226 f.
[3] https://www.facebook.com/reel/26818851667740998

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