
(Foto: Vassil / Wikimedia Commons)
Der ARD-Dokufilm «Die Pangasius-Lüge» [1] hatte im Jahr 2011 an sich nichts Neues gebracht, aber für ein breiteres Publikum vielleicht erstmals Einblicke vor Ort, in eine rasant gewachsene und hoch problematische Fischzuchtindustrie in Vietnam: Null Tierschutz, kaum Umweltschutz, lausig bezahlte Arbeiter/innen und gesundheitliche Gefahren für die Verbraucher. Doch warum hatten ARD und WWF nicht schon viel früher die breite Öffentlichkeit gesucht, um über diese Missstände zu berichten?
Von den ökologischen, sozialen, ethischen und gesundheitlichen Probleme hinter dem Pangasius-Hype konnte man schon seit Jahren wissen, wenn man sich dafür interessierte. Warum also gerade jetzt? Weil der Start von Pangasius mit ASC-Label auf dem europäischen Markt bevorstand.
Wie bitte? ASC ist das vom WWF gegründete Aquakultur-Label «ASC» (Aquaculture Stewardship Council). Da kam der ARD-Film als Vorauswerbung für den Auftritt des ASC-Pangasius wie gerufen. Erst einmal müssen alle wissen, wie lausig es «dort unten» zu und her geht – und dann wow! werden alle happy sein, weil es eine Alternative gibt, die man sich wie gewohnt günstig aus dem Supermarkt-Tiefkühlregal holen kann, und erst noch mit einem Heiligenschein, den mensch sich zuhause beim Verkosten aufsetzen kann…
Das ASC-Label löst die Probleme nicht
Mit recht legte der Film den Finger auf das Problem der Fischmehlverfütterung, welche die Meere zusätzlich plündert. Und mit recht zeigte er den völlig rücksichtslosen Umgang mit den gefangenen Fischen.
Die unappetitliche Pointe ist freilich: Auch das ASC-Label lässt den Einsatz von Fischmehl und Fischöl bei Pangasius weiterhin zu! Dabei ist Pangasius ein Allesfresser und kann weitgehend auch ohne Fischbestandteile gefüttert werden [2] – nur: da müssten WWF und ASC gegenüber der Industrie mehr Zähne zeigen, und das trauen sie sich nicht.
Noch bedenklicher ist, dass das ASC-Label bis heute (2026) auf Bestimmungen verzichtet, die das Wohlbefinden der Fische auf der Grundlage ethologischer Erkenntnisse sicherstellen würde – auch dies hatten wir bei der Entwicklung der Richtlinien wiederholt angemahnt. Ab 2017 erhielt der ASC eine grosse Spende von Open Philanthropy (heute Coefficient Giving) mit dem Ziel, Fischwohl-Kriterien zu erarbeiten; aber ausser Regelungen von Wachstumsrate und Besatzdichte herrscht in den ASC-Richtlinien zum Thema Fischwohl noch heute gähnende Leere [3]. Nicht einmal «humane» Betäubung und Schlachtung schreibt das ASC-Label vor; die Fische werden also gelitten haben, bevor sie dann mit dem ASC-Logo im Regal liegen. ASC kümmert sich überhaupt nicht um Fragen des Fischwohls, auch nicht während der Lebenszeit in den Teichen – auch wenn sich der WWF mit Blick auf seine Spender/innen, aber ohne entsprechendes Handeln, gern immer mal wieder als Tierschutzorganisation darstellt.
fair-fish hatte sich an der vom WWF International geleiteten Entwicklung der ASC-Richtlinien kritisch beteiligt [4]. Leider wurden unsere Forderungen im Interesse des Fischwohls und einer fischmehlarmen Fütterung immer wieder abgelehnt: die beiden Themen, hiess es, gehörten nicht zum Fokus von ASC. Durften wohl nicht zum Fokus gehören; denn inzwischen hat die Forschung gezeigt, dass der Pangasius von seiner Biologie her vollkommen ungeeignet ist, sich in Gefangenschaft wohl zu fühlen, mag sich ein Züchter auch noch so bemühen [5]. Es wäre ehrlicher und klüger, keine Pangasius zu züchten.
Im Grunde bringt ASC mit sehr viel Aufwand und ellenlangen Richtlinien nichts anderes als das, was an Pangasius eh schon auf dem Markt ist – etwas besser als konventionell, aber nicht das, was sich die Verbraucher von einem Nachhaltigskeits-Label eigentlich erhoffen würden (wofür allerdings die wenigsten bereit wären, einen angem,essen höheren Preis zu bezahlen…)
Abhängigkeit des WWF vom Markterfolg
Interessant ist die WWF-Taktik, die im damaligen ARD-Film nur kurz angesprochen wird: Auf dem neuen Fischeinkaufsführer des WWF war Pangasius aus Vietnam ursprünglich «rot» gelistet, also als nicht empfehlenswert. Dann jedoch korrigierte der WWF diese Einstufung; er führte eine neue Kategorie «Zucht in Umstellung auf Umweltstandard» ein. Damit hoffte der WWF, Druck auf die staatlich administrierte Pangasius-Industrie in Vietnam machen zu können, bis 2015 auf «umweltverträgliche Zucht» umzustellen, sprich: sich für ASC zertifizieren zu lassen.
Die Taktik entspricht guter Kampagnenführung; sie hatte allerdings den Schönheitsfehler, dass die Kampagne von der selben Organisation geführt wurde, die auch das Label vertrat. Das heisst, der WWF konnte eigentlich gar nicht mehr unabhängig agieren, denn er brauchte den Markterfolg mit ASC. Ähnlich galt dies ja schon beim vom WWF initiierten MSC-Label für Wildfisch. Inzwischen sind MSC und ASC vom WWF unabhängig (et vice versa), dürfen aber weiterhin auf bevorzugte Empfehlung durch den WWF zählen, trotz unverminderten Fischleids.
Warum muss es denn überhaupt Pangasius sein? Weil der nicht nach Fisch riecht und so schön weisses, grätenfreies Fleisch hat – egal, wie viel Leid man dabei mitisst? Fisch aus Aquakultur ist grundsätzlich keine gute Idee, nur ganz wenige Fischarten können sich in Gefangenschaft vielleicht wohl fühlen [6].
Quellen:
[1] Der Film ist auf der ARD-Website nicht mehr zu finden; eine Kopie gibt es auf Dailymotion
[2] fair-fish database, sidenote forage fish on the feed
[3] ASC Pangasius Standard Version 1.2, June 2019, Criterion 6.5 –
siehe auch Kritik an den Fischwohl-Anforderungen im neuen ASC-Standard von 2024
[4] fair-fish (2009): Comments on the first draft of International Standards for Responsible Pangasius Aquaculture
[5] WelfareCheck in der fair-fish database
[6] https://think.fish/wp-content/uploads/2024/12/TK_Facts-5_EN.pdf

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